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Fahrbericht Rolls-Royce Silver Seraph - Last of Line
Ende einer Ära
Emily zieht zum Jahreswechsel ins südenglische Goodwood. Dort hat BMW - als künftiger Hausherr - der ehrwürdigen Lady des britischen Automobilbaus ein neues Heim gebaut. Inzwischen ist der letzte Rolls Royce aus dem ehemaligen Stammwerk Crewe nahe Manchester gerollt. Künftig baut Volkswagen dort Bentley-Limousinen.
Mit einer besonders exklusiven "Last of Line"-Sonderedition zeigten die Briten zum Produktionsende nochmals, was sie unter automobilem Luxus verstehen. Nur 170 Exemplare des limitierten Silver Seraph haben die "heiligen Hallen" verlassen. Eines davon steht vor uns. Blau und silbern lackiert - ein edler Auftritt, nicht zu übersehen und einem Preis von 255.600 Euro durchaus angemessen. Zudem ist diese Farbwahl eine Huldigung an den legendären Silver Cloud I, der erste Rolls-Royce, der in Crewe entwickelt und gebaut wurde.
Königspalast auf Rädern
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Ihre Majestät lässt bitten: Allein die Tür zu öffnen ist, als wollte man sich Zugang zu den Kronjuwelen verschaffen. Solide wie ein Tresor wirkt das Kunstwerk aus Metall, Leder und Holz. "Amboyna"-Rosenholz findet reichlich Verwendung - wen wundert es, eines der teuersten Furniere der Welt. Von Gelb über Goldbraun bis zu tiefem Rotbraun reichen die Schattierungen der Maserung. Doch auch im Silver Seraph hat die Zukunft bereits begonnen: Digitalanzeigen bemühen sich inmitten historischer Instrumentierung des holzgetäfelten Armaturenträgers vergebens um einen dezenten Auftritt.
Eine ganze Abteilung kümmerte sich im Stammwerk Crewe um die ausgefallensten Anliegen. Hier war der Kunde König, und das war manchmal durchaus wörtlich zu verstehen. Nur einmal, da weigerte sich die so genannte Commission-Abteilung, einen Kundenwunsch zu erfüllen. Eines der ehrwürdigen Fahrzeuge sollte komplett - inklusive Motor - vergoldet werden. Grund für die Ablehnung: nicht etwa die Grenzen des guten Geschmacks, vielmehr wirke eine Vergoldung nicht auf allen Flächen gleich hochwertig. Ein ästhetisches Problem also.
Handwerker als Künstler
Schleifen, Polieren, mehrere Lackschichten - fast alles Handarbeit. An einem Satz Furnierhölzer wurde 13 Tage gearbeitet. Im so genannten Woodshop von Crewe waren 80 Spezialisten für die aufwändigen Holzintarsien zuständig. Im Silver Seraph glänzt das Logo der "Spirit of Ecstasy" in der Holzblende des Radios genauso wie in den beiden massiven Klapptischchen in den Rückenlehnen der vorderen Ledersessel. An Kleinigkeiten zeigt sich die Sorgfalt. So sind beispielsweise die Maserungen der Türverkleidungen absolut symmetrisch. Selbst im Lenkradkranz ist das wertvolle Material eingearbeitet. Das ist zwar nicht unbedingt praktisch, macht aber enorm Eindruck. Da beruhigt es doch sehr, dass die Engländer für jeden gefällten Baum einen neuen pflanzen.
Bewegende Automobilgeschichte
In nobler Gelassenheit warten 5,39 Meter britisches Handwerk darauf, die Straßen rund um den Taunus zu erkunden. Es ist ein kühler, nebliger Morgen. Eigentlich wie geschaffen für einen englischen Lord. Aber der Herr zeigt sich beim Anfahren etwas verschnupft, musste er doch in ungebührlicher Art und Weise im Freien nächtigen. Mit einem kurzen Ruck meldet sich die 5-Gang-Automatik dienstbereit. Aber schon nach einigen Metern wechselt sie samtweich die Fahrstufen. Unter der endlos langen Motorhaube tanzen zwölf Zylinder einen leichtfüßigen Takt. 326 PS (240 kW) lassen 2,4 Tonnen Fahrzeuggewicht schnell vergessen.
Nur 7,6 Sekunden dauert der Frühsport, dann drängt der Brite mit Macht über die Tempo-100-Marke. Bis 160 km/h vergehen ganze 17,6 Sekunden. Höchstgeschwindigkeit: Auf 225 Stundenkilometer begrenzt. Die Tankanzeige macht klar, dass der Silver Seraph dafür nicht gedacht ist. Im Schnitt laufen 17,4 Liter durch die Einspritzdüsen. Wenn es schnell gehen soll, kann es auch das Doppelte sein. Das Fahrwerk - mit automatischer Niveauregulierung ausgestattet - lässt sich von solchen Strapazen nicht beeindrucken. Zurückhaltung ist schließlich die vornehmste Adelstugend.
In einer anderen Welt
Hinter dem Steuer des Silver Seraph überkommt den Fahrer eine schier unendliche Gelassenheit. Selten wurden in einem Test so viel Leistung mit so viel Vergnügen derart langsam durch die Gegend chauffiert. Mit einem wohligen Gefühl versinken die Lederschuhe unter dem Armaturenbrett in dicken, kuscheligen, echten Fellen. Profane Fußmatten sucht man hier jedenfalls vergebens. Unser Ausflug führt in die nahe Großstadt, wo feines Tuch und edler Zwirn den Automobilisten locken. Doch nach dem Stadtbummel - welch ein Schreck: Emily ist verschwunden. Glücklicherweise finden wir sie wieder - zusammengekauert in einer Vertiefung des imposanten Kühlergrills. Dorthin flüchtet Sie immer, wenn sich neugierige Zeitgenossen allzu aufdringlich nähern.
Der Silver Seraph und die Menschen. Übersehen kann ihn wirklich niemand, auch wenn viele sich daran versuchen. Besonders Fahrer bürgerlicher Luxuslimousinen würdigen ihn keines Blickes, wenn sie auf der linken Spur zum nächsten Termin hetzen. Nur wenn das Alter des Fahrers und der Wert des Rolls-Royce allzu offensichtlich auseinander klaffen, bleiben fast immer deutlich sichtbare Fragezeichen in den Gesichtern zurück. Der Mythos Rolls-Royce hat offensichtlich auch nach 97 Jahren noch nichts von seiner Ausstrahlung verloren.
(04/02) mototype, Holger Schilp
| Allianz Autowelt Datenblatt |
Fahrzeug | Rolls-Royce Silver Seraph - Last of Line |
Motor | 5.379 ccm, V12 |
Leistung | 240 kW (326 PS) |
Drehmoment | 490 Nm bei 3.900 U/min |
Fahrleistungen | 225 km/h, 0-100 km/h in 7,6 s |
Verbrauch | 17,4 Liter Super/100 km |
Schadstoffnorm | Euro 3 |
Gewicht/Zuladung | 2.350 kg leer, 447 kg Zuladung |
Abmessungen | 5.390 x 1.932 x 1.515 (LxBxH) |
Kofferraum | 374 Liter |
Basispreis | 255.960 Euro |
Stand 04/2002
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